StayIn – Hilfe jenseits von Vorurteilen

Wie ein Ingolstädter Kontaktladen Drogenabhängigen neue Perspektiven eröffnet und die Stadt entlastet

Drogenabhängigkeit trifft nicht nur Menschen am Rand der Gesellschaft – das zeigt die Geschichte der 30-jährigen Jill. Der Kontaktladen StayIn in der Beckerstraße wurde für sie zur wichtigsten Anlaufstelle im Leben. Die Einrichtung bietet niedrigschwellige Hilfe, medizinische Unterstützung und soziale Begleitung – und leistet zugleich einen wichtigen Beitrag für die öffentliche Gesundheit und das Zusammenleben in der Stadt.

Ein persönlicher Wendepunkt

Die 30-jährige Jill hätte sich niemals träumen lassen, dass der Kontaktladen in der Beckerstraße einmal ihre wichtigste Anlaufstelle sein würde. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, besuchte ein Gymnasium und liebte ihre Ballettstunden. Doch ein schwerer Einschnitt veränderte ihr Leben: Ihr Vater starb bei einem Unfall, die Mutter zerbrach an der Situation und griff zu Beruhigungsmitteln.

Jill beobachtete, dass diese der Mutter halfen, und begann schließlich selbst, heimlich Medikamente zu nehmen. Mit der Zeit verlor sie den Halt, vernachlässigte Schule und Hobbys und brach beides ab. Um die innere Leere nicht spüren zu müssen, griff sie zunehmend zu Betäubungsmitteln – zunächst zu legalen, später auch zu illegalen. Neben der Beschaffung wurde vor allem die Einsamkeit zu ihrem größten Problem.

Ein Kreislaufversagen führte sie schließlich ins Klinikum – ein Wendepunkt in ihrem Leben. Dort lernte sie eine Mitarbeiterin des Kontaktladens StayIn kennen, die sie in die Einrichtung einlud. Die wertschätzende Begegnung überzeugte sie, das Angebot anzunehmen. Seitdem ist der Kontaktladen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens und möglicherweise ein erster Schritt in Richtung Veränderung.

Schwieriger Start für den Kontaktladen

Der Kontaktladen wurde 2013 nach einer langen Odyssee eröffnet. Frau Popp erinnert sich an zahlreiche Vorbehalte und Widerstände bei der Standortsuche, auch wenn die Regierung von Oberbayern die Einrichtung genehmigt hatte, sah die Stadtverwaltung zunächst keinen Bedarf, da es in Ingolstadt keine typische offene Drogenszene gebe.

Unterstützung erhielt die Beratungsstelle Condrobs von der Polizei, da sich Drogenkonsumenten häufig in privaten Räumen trafen und dort teilweise unbemerkt starben. Auch bei der Anmietung geeigneter Räume gab es Widerstand: Anwohner befürchteten Ausschreitungen, Unruhe und Gefahren durch herumliegende Spritzen. Diese Sorgen konnten jedoch im Laufe der Jahre ausgeräumt werden, inzwischen besteht eine gute Nachbarschaft.

Entlastung für Stadt und Gesundheitssystem

Heute zeigt sich der gesellschaftliche Nutzen der Einrichtung deutlich. Der Kontaktladen trägt dazu bei, dass weniger Drogen in Hauseingängen, Parks oder öffentlichen Toiletten konsumiert werden. Durch den Spritzentausch – allein 2024 wurden rund 15.000 Spritzen ausgegeben – liegen kaum Spritzen im öffentlichen Raum. Gleichzeitig wird die Übertragung von Infektionskrankheiten reduziert, was auch das Gesundheitssystem entlastet. 

Die Kontaktstelle wird von Betroffenen gut angenommen: Täglich besuchen durchschnittlich etwa 26 Menschen die Einrichtung. Sie erhalten dort Mahlzeiten, soziale Kontakte und Unterstützung in vielen Lebensbereichen – etwa im Umgang mit Behörden, bei der Vermittlung medizinischer Grundversorgung sowie von Entgiftungs- und Substitutionsplätzen. Auch die Therapieschnellvermittlung „Therapie Sofort München“ stellt regelmäßig ihre Angebote vor.

Hilfe weit über Suchtfragen hinaus

Das Angebot umfasst zudem Beratung zu Gesundheitsfragen wie Hepatitis oder HIV sowie Unterstützung bei der Suche nach Ärzten, Psychiatern oder Psychologen und bei der Terminvereinbarung. Eine besondere Herausforderung stellt die Unterversorgung im Bereich der Substitution dar: Viele Klienten müssen weite Wege zurücklegen – eine große Belastung für gesundheitlich geschwächte Menschen mit geringen finanziellen Mitteln.

Besonders wichtig ist für viele Besucher die Unterstützung bei der Wohnungssuche und beim Wohnungserhalt, beim Ausfüllen von Anträgen sowie bei Terminen mit Sozialamt, Jobcenter, Schuldnerberatung oder Frauenhaus.

Knapp die Hälfte aller Beratungen betrifft persönliche Probleme – mit steigender Tendenz. Dazu gehören familiäre Konflikte, Partnerschaftsprobleme, Migrationserfahrungen, Suizidalität, Haft, Mediensucht sowie Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Suchterkrankungen betreffen nicht nur die Abhängigen selbst, sondern auch Angehörige. Auch gesetzliche Betreuer oder soziale Dienste benötigen mitunter Rat.

Vertrauen als Grundlage der Hilfe

Das niedrigschwellige Angebot soll den ersten Schritt aus dem Kreislauf der Sucht ermöglichen. Entscheidend ist dabei eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Hilfesuchenden. Sie vermittelt Sicherheit, nimmt die Angst vor Verurteilung und fördert die Bereitschaft zur persönlichen Veränderung.

Neben Beratung bietet StayIn auch Freizeitangebote wie gemeinsames Grillen oder Bastelaktionen zu Weihnachten und Ostern. Für Jill sind diese Aktivitäten mehr als Zeitvertreib: Sie ermöglichen sinnvolle Beschäftigung trotz knapper finanzieller Mittel und geben ihr das Gefühl, etwas erfolgreich zu Ende zu bringen.

Bedauerlich findet Jill, dass der Frauenanteil unter den Besuchern derzeit nur knapp ein Viertel beträgt. Zwar wird in der Einrichtung auf einen respektvollen Umgang geachtet, doch sie würde sich mehr Austausch mit anderen Frauen und Raum für spezifische Frauenthemen wünschen.

Einrichtung auf Spenden angewiesen

Wie viele soziale Einrichtungen steht auch StayIn unter finanziellem Druck. Inzwischen muss für Mahlzeiten ein kleiner Beitrag erhoben werden. Vor einigen Jahren hatten sie Lebensmittel von der Tafel bezogen, die inzwischen selbst längst am Limit ist. Manchmal bekommen sie etwas von den Lebensmittelrettern, ansonsten muss alles gekauft werden.  Zeitweise fehlte es sogar an Spritzen – eine Situation, die auf keinen Fall eintreten sollte. Die Einrichtung ist daher dringend auf Spenden angewiesen. Auch wenn den Mitarbeitenden klar ist, dass es für ihre so wichtige Arbeit weniger Sponsoren gibt als für viele anderen, denn man scheut es mit dieser Zielgruppe in Verbindung gebracht werden.  

Denn der Kontaktladen ist ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge und entlastet nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch den öffentlichen Raum. (HaGa)

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