Die Verrohung im Netz ist keine Meinung

Persönliche Angriffe, Häme und Entwürdigung vergiften zunehmend die Debattenkultur – und gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ein Kommentar…

Was mich an den Reaktionen in den sozialen Netzwerken in den vergangenen Tagen erschüttert, ist nicht die Meinungsvielfalt. Unterschiedliche Sichtweisen gehören zu einer offenen Gesellschaft. Erschütternd ist vielmehr, wie schnell aus Meinung Verachtung wird – wie selbstverständlich Menschen herabgewürdigt, lächerlich gemacht und entmenschlicht werden.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Inhalte werden vielfach einfach weitergeteilt – oft, ohne sie überhaupt zu lesen. Überschriften reichen aus, um Empörung auszulösen und Kommentare loszutreten. Ob der Artikel selbst verstanden wurde, scheint zweitrangig. Diese reflexhafte Weiterverbreitung verstärkt Missverständnisse, schaukelt Stimmungen hoch und macht differenzierte Diskussionen nahezu unmöglich.

Hier geht es längst nicht mehr um sachliche Kritik. Wer beschimpft, verspottet und persönlich angreift, führt keine Debatte. Er will einschüchtern, verletzen und mundtot machen. Die Folge ist ein Klima, in dem sich immer weniger trauen, öffentlich Haltung zu zeigen. Genau das schadet dem demokratischen Miteinander.

Besonders problematisch ist die weit verbreitete Vorstellung, im Internet sei alles erlaubt. Das ist ein Irrtum. Auch online gelten rechtliche Grenzen. Beleidigungen, Bedrohungen und gezielte Herabwürdigungen können strafbar sein – unabhängig davon, ob sie auf der Straße oder in sozialen Netzwerken geäußert werden. Meinungsfreiheit schützt Widerspruch und Kritik. Sie schützt keine Menschenverachtung.

Wenn diese Verrohung zur Normalität wird, verliert unsere Gesellschaft etwas Grundlegendes: Respekt, Vertrauen und die Fähigkeit zum Dialog. Zurück bleibt ein Gegeneinander, in dem die Lautesten dominieren und die Vernünftigen sich zurückziehen.

Gerade deshalb sind Zeichen für Demokratie und Zusammenhalt so wichtig. Sie erinnern daran, dass Freiheit nicht nur Rechte bedeutet, sondern auch Verantwortung im Umgang miteinander. Demokratie beginnt nicht erst an der Wahlurne – sie beginnt im Ton, im Respekt und in der Anerkennung der Würde des anderen. Online wie offline.

Mehr zum Hintergrund gibt es im Bericht zur Kundgebung „Lichter für Demokratie“: https://in-direkt.de/gesellschaft/76300/lichter-fuer-demokratie-viele-menschen-setzen-in-ingolstadt-ein-zeichen/

Artikel teilen:

Verlinkte Themen: