Gelungene Premiere in der Werkstattbühne des Stadttheaters
Als Weltraumreisender erlebt man so manches Abenteuer – ganz besonders dann, wenn man mit einer Rakete unterwegs ist, die mit einem Elektronenhirn ausgestattet ist. Genau damit macht sich der fiktive Iljon Tichy auf den Weg: Als Delegierter der Erde und Kandidat beim Rat der OVP (Organisation vereinter Planeten) will er erreichen, dass die Erde in die Organisation aufgenommen wird.
In der gelungenen Aufführung werden vor allem zwei Reisen aus Lems „Sterntagebüchern“ zusammengeführt: Zunächst wird die Steuerung von Tichys Rakete durch einen Meteoriteneinschlag beschädigt. Für die notwendigen Reparaturen benötigt Tichy jedoch eine zweite Person. Steuerungslos gerät er in einen Gravitationsstrudel und in Zeitschleifen, die zu seiner Vervielfachung führen. Statt gemeinsam das Problem anzugehen, geraten die verschiedenen Tichy-Versionen – zur allgemeinen Erheiterung – in einen skurrilen Streit.



Als Tichy schließlich doch noch an seinem Ziel ankommt, wird in einer Konferenz die Qualität der Kandidatur der Erde diskutiert – mit vernichtendem Ergebnis: Wettrüsten, Atombomben, Fleischfresserei und Geschichtsfälschung sind Kriterien, an denen die Kandidatur der Erde kläglich scheitert.
Der polnische Schriftsteller thematisiert und kritisiert in seinen „Sterntagebüchern“ auf sehr unterhaltsame Weise viele Aspekte unserer Zivilisation: das Eigenleben von Maschinen in einer zunehmend technologisierten Welt ebenso wie die Begegnung des Menschen mit sich selbst. Lem gilt als ein brillanter Visionär und Utopist, der viele Themenkomplexe bereits weit vor ihrer tatsächlichen Entwicklung angedacht hatte: Neben psychologischen und ethischen Fragen verhandelte er auch politische Themen – wie in der Kandidatur-Prüfung deutlich wird.
Nicht nur die Geschichte sprüht vor Fantasie und skurrilen Einfällen: Auch die Umsetzung als Live-Hörspiel überzeugt. Die Schauspieler erzeugen sämtliche Geräusche mit Alltagsgegenständen selbst – mit immer wieder überraschenden Klängen und pointierten akustischen Effekten, die das Publikum hörbar amüsieren.



Olivia Wendt als Tichy, Michael Amelung in zahlreichen Rollen (unter anderem Professor Tarantoga, Kralos und ein Beamter) sowie Christina Völz (unter anderem als Elektronenhirn) begeistern durch große Spielfreude und sichtbaren Spaß an den herrlich skurrilen Figuren. Besonders gelungen: Wendt und Amelung als die verschiedenen „Tichys“ – etwa „Tichy am Montag“, „Tichy am Dienstag“ usw. –, die sich gegenseitig in Tempo, Tonfall und Eigenheiten überbieten.
Neben allem Witz regt die Inszenierung jedoch auch dazu an, sich mit den Auswirkungen technologischen Fortschritts und mit der Reflexion unseres gesellschaftlichen und politischen Verhaltens auseinanderzusetzen. Die Zuschauer quittierten das überaus gelungene, köstliche Live-Hörspiel, das wärmstens empfohlen werden kann, mit begeistertem Applaus.( HaGa)
