Kinder psychisch kranker Eltern – Unsichtbare Not und Wege aus dem Alleinsein
Der siebenjährige Peter geht gern zur Schule. Eigentlich möchte er sich mit seinem Sitznachbarn Amir anfreunden. Aber wie soll das gehen? Er kann und mag ihn nicht zu sich nach Hause einladen, denn er weiß nie, wie seine Mutter drauf ist, wenn er aus der Schule kommt: Manchmal ist sie fröhlich, aber oft liegt sie nur auf der Couch und schafft es nicht einmal aufzustehen. Und manchmal ist sie gereizt und regt sich fürchterlich auf, obwohl Peter ehrlich versucht, „brav“ zu sein. Er versteht nicht, was er falsch gemacht haben soll. Wenn er nachfragt, hört er nur: „Was du dir schon wieder einbildest.“
So wie Peter geht es vielen Kindern, deren Vater oder Mutter – manchmal beide – psychisch krank sind oder eine Suchterkrankung haben. Die Kinder sind ratlos, und es macht ihnen Angst: Was ist mit Mama oder Papa los? Bin ich schuld? Was kann ich tun, damit sie nicht mehr so traurig oder wütend ist? Wer könnte mir helfen? Darf ich überhaupt mit jemandem darüber reden? Neben den Schuldgefühlen kommen oft Scham und Angst, dass es jemand merkt. Viele ziehen sich zurück, damit niemand sieht, wie „anders“ es zu Hause manchmal ist.
Kinder im Schatten der erkrankten Eltern
Lange wurden diese Kinder im Alltag kaum wahrgenommen – nicht weil es sie nicht gab, sondern weil sie oft „mitliefen“ – im Schatten der Erkrankung, im Schweigen der Familie und zwischen den Zuständigkeiten der Hilfesysteme. Breiter in den Blick gerieten sie in Deutschland erst ab Mitte der 1990er Jahre; ein wichtiger Impuls war die Bundesfachtagung 1996 „Auch Kinder sind Angehörige“. Seitdem setzt sich zunehmend die Einsicht durch: Kinder brauchen kindgerechte Aufklärung, verlässliche Ansprechpartner und Unterstützung im Alltag – auch, um das Risiko eigener späterer Erkrankungen zu senken.
Peter hat Glück. Seiner Lehrerin fällt seine Notlage auf. Sie weist die Mutter auf ein Angebot der Erziehungsberatungsstelle von Caritas und Diakonie in Ingolstadt hin. Die Beratungsstelle wollte zunächst regelmäßige Gruppentreffen anbieten, ist davon aber wieder abgerückt, denn für viele Familien ist ein regelmäßiger Termin schwer zu schaffen – wegen Ganztagsschule und Nachmittagsunterricht, aber auch weil manche Eltern im Alltag kaum Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit organisieren können.
Hilfreiche Normalität für eine Woche
Stattdessen wich man auf eine Kinderfreizeit in den Herbstferien aus. Mit dem Ferienangebot „Nicht von schlechten Eltern“ erleben betroffene Kinder eine Woche lang etwas, was für andere selbstverständlich ist: unbeschwerte Normalität. Das beginnt bei einfachen Dingen wie gemeinsam essen. Wie viele Teilnehmende vor ihm war auch Peter von dieser Gemeinsamkeit so beeindruckt, dass er die Gruppe spontan bat, nicht aufzustehen, bevor alle fertig sind – und die Kinder hielten sich daran, ohne dass ein Erwachsener eingreifen musste.
Neben kreativen und lustigen Aktivitäten sprechen die Kinder über das, was in ihrer Familie schön ist, aber auch, was sie belastet. Als es um das Thema ging, niemanden nach Hause mitbringen zu können – Peters Thema –, machte ihm ein fünfzehnjähriger Jugendlicher ein überraschendes Angebot: „Ich komm dich besuchen. Ich kenne das alles. Mir musst du nichts erklären.“ Für viele ist genau das ein Schlüsselmoment: zu merken, dass man nicht allein ist. Noch erstaunter sind die Kinder immer wieder, wenn sie erfahren, dass man davon ausgeht, dass in jeder Schulklasse etwa fünf Betroffene zu finden sind. Das veranlasst sie dann zu überlegen, wer in ihrer Klasse wohl betroffen sein könnte und ob man das Kind darauf ansprechen sollte. Das ist übrigens etwas, was sich die Fachleute sehr wünschen: dass das Thema „Kinder psychisch kranker oder suchtabhängiger Eltern“ weit mehr ins Bewusstsein rückt und Lehrkräfte sowie Personal in Kindergärten und Kindertagesstätten, aber auch Nachbarn oder Bekannte, mehr hinsehen und nachfragen, damit man die Betroffenen auf das Angebot der Erziehungsberatungsstelle aufmerksam machen kann.
„Nicht von schlechten Eltern“ – nur durch Spenden möglich
Das Ferienangebot in Ingolstadt ist kostenlos, wird aber vor allem durch Spenden des Ingolstädter Rotary Clubs möglich, weil es dafür sonst keine Refinanzierung gibt – obwohl es ein wichtiger Baustein der Beratungsarbeit ist. Während der gemeinsamen Woche wird auch kindgerecht erklärt, was psychische Erkrankungen sind und wie sie sich im Alltag der Betroffenen auswirken können. Eine Fragestunde dazu mit einem Facharzt erleben viele Kinder als besonders spannend und sind regelmäßig begeistert von seinem Angebot, ihn jederzeit anrufen zu dürfen. Diese Erfahrung, ernst genommen zu werden, kann ihr Selbstwertgefühl stärken.
Im Zentrum der gemeinsamen Zeit steht die Perspektive der Kinder. Sie sollen lernen, den eigenen Gefühlen zu vertrauen, Bedürfnisse wahrzunehmen, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, aber auch zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind. Vor allem aber: zu lernen, sich Hilfe zu holen. Und dafür bleibt die Beratungsstelle auch nach der Freizeit Ansprechpartner.
Ein zusätzliches Angebot, diesmal für Kinder und Angehörige (Eltern, Großeltern, Geschwisterkinder), ist in Planung und wird voraussichtlich im März als offenes Treffen starten. (HaGa)
Hilfe gibt es:
Psychologische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien
Gabelsbergerstraße 46
85057 Ingolstadt
0841/9935440
erziehungsberatungsstelle@caritas-ingolstadt.de
hppt://www.erziehungsberatungsstelle-in.de
