Stadt der Proleten?

Schlechter Geschmack in der Politik

Wer oder was ist eigentlich ein “Prolet”? Im alten Rom bezeichnete man die Besitzlosen, die nur ihre Arbeitskraft, aber kein Eigentum besaßen, als „Proles“. Doch die Zeiten änderten sich. Nach der industriellen Revolution wurden im 19. Jahrhundert Fabrikarbeiter und Lohnarbeiter, die wenig besaßen und hart arbeiten mussten, so bezeichnet. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Heute wird jemand als „Prolet“ oder „Proll“ bezeichnet, dem man schlechten Geschmack oder mieses Verhalten attestieren möchte.

Diese Begriffsbestimmung vorausgeschickt, muss man leider feststellen, dass es in Ingolstadt durchaus Proleten gibt. Die fielen einmal unangenehm auf, als im Vorfeld des Bürgerentscheids über den Standort der Kammerspiele Plakate verwendet wurden, auf denen Jugendliche als verarmt dargestellt wurden, weil in Ingolstadt angeblich Geld für einen protzigen Theaterbau ausgegeben werden sollte. Diese Gegenüberstellung zeugte von einem extrem schlechten Geschmack und miesen Verhalten.

Nun geht es weiter: Bei Facebook publiziert ein Nutzer ein Bild mit der Überschrift „Ingolstadt 2035“. Darauf sieht man auf der rechten Seite einen stattlichen Bau, der als „Stadttheater Ingolstadt“ bezeichnet wird. Auf der linken Seite ist ein verfallenes Haus dargestellt, vor dem friedhofähnlich Kreuze von Gräbern aus dem Boden ragen. In der Bildmitte steht ein elegant gekleideter Mann mit Theaterkarte in der Tasche und sagt: „Bedauerlicherweise war die Klinik nicht zu retten.“

Die Botschaft lautet: Wer Geld für Festsaal/Stadttheater ausgibt und nicht die insolvente Maul-Klinik kauft oder unterstützt, der ist verantwortlich für den Tod von Menschen. Wer so hetzt, verhält sich mies, geschmacklos und ist gemäß obiger Definition ein Prolet! Natürlich wird dieses Bild mit nach oben gerichtetem Daumen sofort von anderen Gesinnungsgenossen „geliked“. Überraschend auch von einem Kurt Sigl, bei dem es sich immerhin um das ehemalige  (zwischenzeitlich vom Verband abberufene) Vorstandsmitglied des Bundesverbandes E-Mobilität handeln dürfte.

Gesundheit ist ein kostbares Gut. Gesundheitsvorsorge notwendig. Die Stadt Ingolstadt gibt dafür Millionen für das Klinikum aus. Ist sie verpflichtet, bei Insolvenz eines privaten Klinikbetreibers, der möglicherweise unverschuldet in die Krise geriet, das Krankenhaus zu übernehmen? Muss die Kommune auch einspringen, wenn ein privater Schulträger, ein privater Müllentsorger oder eine große Arztpraxis in Schwierigkeiten geraten? Darüber kann man diskutieren.

Geschmacklos und widerwärtig ist es zu behaupten, wenn der Festsaal und das Stadttheater saniert werden, dass dann der Tod von Menschen verursacht wird. Da sollten gerade die, die gern von deutscher Leitkultur sprechen, auf die Barrikaden gehen. Volkstanz und Böllerschützen gehören zum bayerischen Brauchtum. Theater und Musik, Bälle und Kabarett aber auch. Deshalb kommen wir um die Sanierung von Spielstätten für diese Kulturträger nicht herum. 

Am Rande: Wo waren denn diejenigen, die jetzt gegen die Sanierung von Festsaal und Stadttheater hetzen, als Millionen für das Kongresszentrum samt opulenter Tiefgarage ausgegeben wurden? Als beschlossen wurde, die privaten Betreiber des Kongresszentrums jährlich (!) mit 1,1 Millionen Euro als städtischem Zuschuss zu unterstützen? Manchmal hat es den Anschein, als ob die damals an den kommunalen Machthebeln Sitzenden heute den oben genannten Proleten nahestehen.

Bleibt ein Blick über den Gartenzaun: Coburg hat knapp 43.000 Einwohner, also 100.000 Einwohner weniger als Ingolstadt. Dort gibt es ein Landestheater. Das bietet nicht nur Schauspiel (wie in Ingolstadt das Stadttheater). Nein, es gibt sogar Oper, Operette und Ballet mit dem eigenen Ensemble. Träger des Theaters ist eine GmbH. Der Freistaat Bayern ist dort großzügiger als in Ingolstadt. Er trägt einen erheblichen Teil der Kosten des laufenden Betriebs. Da wäre es gut, wenn unser verdienstvoller Landtagsabgeordneter Alfred Grob nicht nur einen einmaligen Zuschuss für die Sanierung der Künette in München heraushandeln, sondern die bayerische Staatsregierung dazu bewegen könnte, auch in Ingolstadt den laufenden Theaterbetrieb zu unterstützen (oder aus dem Stadttheater eine staatliche Bühne zu machen). Für die Zeit der Sanierung ihres Theaterbaus haben die Coburger einen repräsentativen Ersatzbau („Globe“) für ca. 40 Millionen hingestellt. Der soll dauerhaft kulturellen Zwecken erhalten bleiben. Die Gesamtkosten der eigentlichen Sanierung des altehrwürdigen Coburger Theaters veranschlagen sie mit 360 Millionen Euro. Davon zahlt der Freistaat zwei Drittel. In Ingolstadt wurden die Sanierungskosten für Festsaal und Theater zuletzt auf weniger als die Hälfte dieses Betrages geschätzt.(hk)

Falls die Proleten in Ingolstadt die Oberhand gewinnen: Von Ingolstadt bis Coburg sind es 210 km.

Hermann Käbisch

Foto: Hartmann