Der Start in den „Ernst des Lebens“ – ein teures Unterfangen

Von der Schultüte bis zur Smartwatch: Was der Schulstart wirklich kostet
 

Im September beginnt für zahlreiche Kinder ein neuer Lebensabschnitt: die Einschulung. Während der Abschied vom Kindergarten manchen Kindern schwerfällt, überwiegt bei vielen die Vorfreude auf das, was kommt. Der Übergang ist jedoch nicht nur mit Emotionen, sondern auch mit hohen Kosten verbunden.

Denn die umfangreichen Anschaffungen zum Schulstart summieren sich schnell zu einem unfassbar hohen Betrag: So kostet ein Schulranzen zwischen 280 und 360 Euro, das Federmäppchen schlägt mit bis zu 100 Euro zu Buche. Zusätzliche Stifte wie Wachsmalkreiden oder Filzstifte liegen bei rund 15 bis 20 Euro, Hefte, Einbände und Spiralblöcke kosten etwa 40 Euro. Für den Kunstunterricht kommen weiteren 30 bis 40 Euro für Malblöcke, Pinsel, Malkästen und Tonpapier dazu. Sport- und Alltagsausstattung – von Turnbeutel über Sportkleidung bis hin zu Hausschuhen, Brotzeitbox und Trinkflasche – kostet mindestens 150 Euro.

Noch nicht eingerechnet ist die obligatorische Schultüte, deren Inhalt je nach Familie sehr unterschiedlich ausfällt. Die Tradition der Schultüte stammt ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert  und kommt aus Sachsen und Thüringen. Um Neid zu vermeiden, dürfen die Kinder den Inhalt in der Regel erst zu Hause auspacken.

Besorgte Eltern investieren zusätzlich 150 Euro in eine Kinder-Smartwatch, um eventuelle Problemen am Schulweg erkennen zu können.

Die Einschulung wird so nicht nur zum emotionalen Meilenstein, sondern zur echten finanziellen Herausforderung – und das über Jahre hinweg.

Lernmittelfreiheit wurde in der Weimarer Republik in der Verfassung verankert
Die Abschaffung sorgt für eine soziale Selektion

Zum Schuljahresbeginn sieht man in Schreibwarengeschäften zahlreiche Eltern mit langen Einkaufslisten. Diese werden von Jahr zu Jahr länger, die Anforderungen der Lehrkräfte spezifischer – und die Preise für Schulbedarf steigen kontinuierlich. Laut Statistischem Bundesamt sind die Preise für Stifte und Füller seit 2020 um 18 bzw. 19 Prozent gestiegen, für Schulhefte und Malblöcke sogar um 38 Prozent.

Viele Eltern reiben sich erstaunt die Augen, wenn sie feststellen, welche Kosten auf sie zukommen. Neben den Grundausgaben von mindestens 500 € – mit nach oben offenem Spielraum – entstehen weitere Kosten, etwa für Arbeitshefte in Deutsch und Mathematik (ca. 30 €). Dabei könnte man annehmen, diese würden unter die sogenannte Lernmittelfreiheit fallen, mit der sichergestellt werden sollte, dass alle Kinder kostenlosen Zugang nicht nur zu Schulbüchern, sondern auch zu ergänzendem Übungsmaterial erhalten.

Lernmittelfreiheit – ein „Luxus“, den sich kaum noch ein Bundesland leistet

Historisch geht die Forderung nach Lernmittelfreiheit auf die Revolution von 1848 zurück. Ziel war es, allen Kindern – unabhängig vom Einkommen der Eltern – Zugang zu Bildung zu ermöglichen. In der Weimarer Verfassung wurde die Lernmittelfreiheit verankert, doch heute ist davon kaum noch etwas übrig: Vollständige Lernmittelfreiheit gibt es nur noch in fünf Bundesländern – Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Vier Bundesländer haben sie vollständig abgeschafft und setzen stattdessen auf Bücherbasare, um Schülern einen günstigeren Zugang zu Schulbüchern zu ermöglichen. In sieben weiteren Bundesländern – darunter auch Bayern – besteht sie nur noch eingeschränkt.

In manchen Ländern ist die Lernmittelfreiheit verfassungsrechtlich abgesichert. In Bayern dagegen heißt es lediglich: „Der Unterricht an diesen Schulen (Volks- und Berufsschulen) ist unentgeltlich.“ Dies betrifft jedoch ausschließlich Schulbücher – Materialien wie Hefte, Schreibzeug, Atlanten, Taschenrechner oder Formelsammlungen müssen von den Eltern selbst gekauft werden. 2005/2006 führte Bayern zudem das sogenannte „Büchergeld“ ein, das je nach Schulart 20 bis 40 Euro betrug. Nach öffentlicher Kritik liegt es nun im Ermessen der Gemeinden, ob sie dieses weiterhin erheben.

Hinzu kommen jährlich weitere Ausgaben: Kopiergeld für Arbeitsblätter, Kosten für Klassenfahrten und Ausflüge, Beiträge für besonderes Material oder Zuzahlungen für Mittags- und Nachmittagsbetreuung. So summieren sich die Belastungen für viele Familien auf mehrere Hundert Euro pro Schuljahr.

Förderung reicht oft nicht – und trifft die Falschen

Zwar können einkommensschwache Familien im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets 195 € pro Schuljahr und Kind beantragen – doch laut dem Bundesgeschäftsführer des Kinderschutzbundes reicht das in der Praxis oft nicht aus. Realistisch sei eher das Doppelte. Besonders bitter: Familien, deren Einkommen nur knapp über der Fördergrenze liegt, erhalten keinerlei Unterstützung.

Einmal mehr zeigt sich: In kaum einem anderen Land hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland.

Kommentar:

Schulbildung ist in Deutschland ein Luxusartikel
Die Idee, dass alle Kinder gleichberechtigten Zugang zu Bildung haben sollen – einst in der Weimarer Verfassung verankert – gerät in Deutschland zunehmend ins Wanken. Die Lernmittelfreiheit fällt immer häufiger dem Spardruck zum Opfer. Dabei ist Bildung unser wichtigstes Kapital: Ohne nennenswerte Rohstoffe ist Deutschland auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Im internationalen Vergleich rangiert unser Land beim Humankapital nur im hinteren Mittelfeld. Von Finnland, bekannt für eines der besten Schulsysteme Europas, ließe sich viel lernen: dort finanziert der Staat sämtliche Schulmaterialien – von Büchern bis zum Radiergummi. Bildung ist dort keine private Belastung der Familien, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 

Ist Bildung der Schlüssel zur Zukunft, darf sie kein Luxus für wenige sein. (HaGa)

Foto:
Freepic/Kinder die Spass in der Klasse haben