Wie können Sternenkinder in die Familie integriert werden?
Kinder, die den Himmel erreichen, bevor sie das Licht der Welt erblicken
Für die meisten Eltern ist es einer der schönsten und unvergesslichsten Momente im Leben ihr Kind zum ersten Mal in den Armen zu halten.
Doch was, wenn man schon vorher weiß, dass das lang ersehnte Baby bereits im Mutterleib gestorben ist oder während der Geburt beziehungsweise kurz danach stirbt? Eine Erfahrung, die man niemandem wünscht und die sich tief einprägt – ein Moment, der statt Freude Trauer und Schmerz mit sich bringt.
Bis Ende der 1980er-Jahre wurden Totgeburten – später wurde diese emotionslose Bezeichnung durch „stillgeborenes Kind“ ersetzt – tabuisiert. Man ging davon aus, dass es die Mutter oder die Eltern traumatisieren würde, ihr verstorbenes Baby zu sehen oder zu berühren. So blieb ihnen die Möglichkeit verwehrt, sich von ihrem Sternenkind zu verabschieden. Zu den Sternenkindern zählen auch Kinder, die unmittelbar nach der Geburt gestorben sind.
Der Verein Sternenkinder e.V. in Ingolstadt
Heute weiß man, wie wichtig es für die meisten Eltern ist, sich von ihrem Baby zu verabschieden. Doch wie kann man sich von jemandem verabschieden, den man kaum kennenlernen konnte?
Aus eigener, schmerzvoller Erfahrung heraus beschloss Jessica Jörke, betroffenen Familien beizustehen. Als sie 2022 die stille Geburt ihres Sohnes erlebte, fühlte sie sich verunsichert und überfordert. Um ihre eigene Erfahrung zu verarbeiten, absolvierte Frau Jörke eine Ausbildung zur Akutbegleiterin für Familien beim Frühtod des Kindes oder nach pränatal-medizinischer Diagnose – man geht davon aus, dass einen solchen Verlust jede dritte Frau erlebt. Schnell wurde ihr klar, dass sie mit diesem Wissen auch anderen Familien in Ingolstadt helfen wollte.
2024 startete sie eine Initiative, die sich rasch weiter entwickelte: Bereits am 9. Juli 2025 erfolgte die Eintragung als Verein. In diesem engagieren sich neben der Initiatorin ihre Familienmitglieder, eine Hebamme, eine Psychologin, eine Sozialpädagogin, eine Erzieherin, eine Sternenkinder-Fotografin und ein weiteres Ehepaar.
Weitere Unterstützende sind herzlich willkommen – ob als aktive oder als fördernde Vereinsmitglieder.
Sehr große Unterstützung erhielt sie von der Stadt Ingolstadt, die dem Verein Räumlichkeiten im Stadtteiltreff St. Augustin zur Verfügung stellt. Situationsbedingt muss man jedoch flexibel sein: Tritt ein Notfall auf und sind die Räume nicht verfügbar, empfängt Familie Jörke die Betroffenen auch privat.

In den ersten drei Monaten lag der Fokus auf intensiver Aufbauarbeit: Kontaktaufnahme und Vernetzung mit verschiedenen Krankenhausabteilungen, Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen und Organisationen wie der Diakonie oder dem Kriseninterventionszentrum in Eichstätt, wo Frau Jörke einen Vortrag zum Thema Sternenkinder hielt. Zur Zeit macht sie zusätzlich eine Trauerbegleiterausbildung speziell für Familien, die mit dem frühen Tod konfrontiert werden.
Abschied und Erinnerungen in einer schmerzlichen Situation gestalten
Das Angebot des jungen Vereins „Sternenkinder Ingolstadt“ ruht auf drei Säulen:
- Akutbegleitung ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung – Familien können sofort Unterstützung erhalten.
- Einzelfallhilfe – Frau Jörke begleitet Trauernde unabhängig davon, wie lange der Verlust zurückliegt.
- Gesprächskreise – moderiert von der Gründerin, bieten sie Raum für Austausch über Themen wie Geburtstage, Feiertage oder den Alltag mit dem Verlust. Gleichzeitig erleben die Betroffenen, dass sie nicht allein mit dieser traumatischen Erfahrung sind.
Die Betreuung kann unabhängig vom Zeitpunkt des Verlustes in Anspruch genommen werden. So nimmt aktuell auch eine Mutter daran teil, die ihr Kind vor sechs Jahren verloren hat.
Ein zentraler Gedanke ist, bewusst Abschied zu nehmen und sich klarzumachen, dass dies der einzige Zeitpunkt ist, Erinnerungen zu schaffen – sei es durch Hand- und Fußabdrücke oder Fotos mit Hilfe eines Sternenkinder-Fotografen. So können Sohn oder Tochter auch nach ihrem Tod ein Teil der Familie werden und bleiben.
Manche Menschen möchten am liebsten sofort aus der Situation fliehen und ins Alltagsgeschehen zurückkehren. Aber es ist nichts mehr, wie es zuvor war. Daher werden die Eltern ermutigt, sich bewusst Zeit zu nehmen. Niemand muss sofort entscheiden, wie er Abschied nimmt: Ab der Geburt haben die Eltern bis zu 72 Stunden Zeit. Solange kann das Zimmer im Krankenhaus genutzt werden, und das Kind kann immer wieder gebracht werden, um gemeinsam als Familie Zeit zu verbringen.
Wenn gewünscht, stellt man ein „Himmelsbettchen“ zur Verfügung. Es ersetzt den meist viel zu großen Kindersarg. In Zusammenarbeit mit dem Verein „insel e.V.“ werden die Bettchen liebevoll komplett mit Matratze, Kissen und Decke ausgestattet. Alles erfolgt ehrenamtlich – die Eltern erhalten Bettchen und Ausstattung kostenlos. Auf Wunsch – und wenn das Kind bereits etwas größer ist -, beauftragt man einen Verein in Beilngries, der sich auf Bekleidung für Frühchen und Sternenkinder spezialisiert hat, passende Kleidungsstücke zu nähen.
Rechtliche Informationen
In Bayern haben Eltern das Recht, ein Sternenkind – unabhängig vom Schwangerschaftsstadium – bestatten zu lassen. Eine Bestattungspflicht besteht ab der 24. Schwangerschaftswoche oder einem Geburtsgewicht von 500 Gramm.
Darüber hinaus informiert der Verein über das neue Mutterschutzgesetz, das die emotionale und physische Situation von Müttern nach einer Fehlgeburt besser berücksichtigt und einen gestaffelten Anspruch auf Mutterschutz gewährt. (HaGa)
Näheres: https://sternenkinder-ingolstadt.de/